Wannseekonferenz

Runde Jahrestage haben es so in sich. Manches, was die Menschen zu ihrer Zeit bewegte, gerät später in Vergessenheit. Anderes, was kaum wahrgenommen wurde als es geschah, wird später als Zäsur in die Geschichte eingehen.

Vor einigen Wochen schrieben wir den 11. Dezember 2021. Vor genau achtzig Jahren zuvor hatte Deutschland den Vereinigten Staaten den Krieg erklärt. Eine Nachricht, welche die damalige Welt durchrüttelte. Und den Deutschen wurde einmal  schmerzhaft bewußt: Jetzt kämpft die ganze Welt gegen uns. Der Krieg in Europa und Nordafrika hatte sich endgültig zum Weltkrieg ausgeweitet. Erstaunlich, daß weder Politik noch Medienlandschaft hierzulande von diesem Jahrestag, dem 11. Dezember, überhaupt Notiz nahmen. Keine Zeitungsspalte, keine Fernsehsendung, rein gar nichts.

Ganz anders bei einem anderen Datum: 20. Januar 1942. Heute wissen wir, daß damals in der Villa am Grossen Wannsee über das Schicksal der europäischen Juden verhandelt wurde. Es ging um die Organisation der  Deportation der europäischen Juden; festgehalten im berüchtigten fünfzehnseitigen Wannseeprotokoll.  Eingeweiht waren damals nur die unmittelbar Beteiligten. Keine Presseerklärung, nirgendwo eine Zeitungsnotiz, auch fremden Geheimdiensten blieb das Ereignis verborgen. Erst Monate nach Kriegsende tauchte ein Exemplar dieses Protokolls eher zufällig bei Sichtung der Akten des Außenministeriums auf.  Heute kennt jeder die „Wannseekonferenz“ als den Beginn der organisierten Deportation und fabrikmäßigen Massentötung der Juden im Herrschaftsbereich des nationalsozialistischen Deutschland, die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“.

Die Villa am Großen Wannsee ist heute nicht nur ein Ort des Gedenkens.  Die Räume beherbergen  eine eindrucksvolle Ausstellung und Dokumentensammlung über die Geschichte der Juden in Europa, die Wurzeln und Entwicklung des Antisemitismus, schließlich die 1933 einsetzende Judenverfolgung die sich zur der „Endlösung“ steigerte.   Ein Besuch dieser Ausstellung ist ein absolutes Muss für jeden historisch Interessierten. Nirgendwo sonst erhält man eine derartige Fülle an Informationen über alle Facetten des damaligen Geschehens. Ein besonderer Schwerpunkt ist der spätere Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem, der vollständig in Bild, Ton und Akten dokumentiert ist. Hannah Ahrendt als damalige Beobachterin schrieb über die „Banalität des Bösen“.

Ich selbst habe  2012 die Ausstellung besucht. Mit dem heutigen Wissen fallen bei der Durchsicht des Protokolls einige Eigentümlichkeiten sofort auf.

Zum Ersten: Es war nicht die erste Führungsgarnitur des „Dritten Reiches“, die sich da in der von der SS requirierten  Villa zusammenfand. Weder Hitler noch Göring noch Goebbels noch Himmler waren anwesend; nicht einmal ein Minister.

Zum Zweiten:  Im wesentlichen handelt es sich bei dem Protokoll um einen Vortrag von Heydrich; lediglich angereichert um ein paar Anmerkungen der übrigen Anwesenden nach der Rede des Gastgebers.

Zum Dritten:  In der Aufstellung der zu deportierenden Juden sind europäische Länder aufgeführt, die sich (noch) nicht im Herrschaftsbereich des NS-Staates befanden: Spanien, England, Schweden, Schweiz, sogar die Türkei. Es verblüfft, mit welcher Selbstverständlichkeit die Führung des NS-Staates davon ausgeht, daß auch in diesen Ländern die „Endlösung“ zum Tragen kommt.

Zum Vierten, und das ist das erstaunliche: An keiner Stelle ist erwähnt, wie denn die „Endlösung“ tatsächlich durchgeführt werden soll, d.h. was mit den Juden nach der Deportation tatsächlich geschehen soll. Kein Wort von Auschwitz, Gaskammern, Erschießungen usw.  Ein unbefangener Leser könnte meinen, daß es sich lediglich um eine „Umsiedlung“  handelt.

Heute wissen wir, daß das unaussprechliche bereits damals unaussprechlich war. Ob und inwiefern sich alle Beteiligten im klaren darüber waren, was die „Endlösung“ bedeutete, darüber geben eventuell die Verhör- und Gerichtsprotokolle des Eichmannprozesses Auskunft.  Goebbels notiert noch vor der Wannseekonferenz am 16. November 1941: „Mit ihnen (den Juden) endgültig fertig zu werden , ist Sache der Regierung“.  Will sagen: Fragt nicht, mischt Euch nicht ein. Selbst Himmler umschreibt in seinen berüchtigten, in Text und O-Ton überlieferten Posener Geheimansprachen an seine SS-Chargen den Massenmord im Herbst 1943: „Ich will hier vor Ihnen in aller Offenheit auch ein ganz schweres Kapitel erwähnen. Unter uns soll es einmal ganz offen ausgesprochen sein, und trotzdem werden wir in der Öffentlichkeit nie darüber reden…Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen…“ 

Ich empfehle jedem Berlin-Besucher die Ausstellung in der Villa am Großen Wannsee.

Hier nun das vollständige Protokoll aus dem Katalog der Ausstellung:

 


3 Kommentare on “Wannseekonferenz”

  1. Leonhardt sagt:

    Geschichte schreiben immer die Sieger. Im Krieg ist alles möglich. Die Kriegspropaganda hört
    nicht auf. Ich will Deutsche Greultaten im Krieg nicht bagatellisieren, aber wer berichtet über die der Alliiierten.

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  2. Christoph Mause sagt:

    Das ein Ratsherr der Stadt Ratingen so einen Müll von sich gibt ist schon unglaublich und lässt Sie in meinen Augen noch tiefer sinken als sie es ohnehin schon sind.

    Ihr kleiner Aufsatz hier reiht sich nahtlos ein in den AfD-Sprech vom „Mahnmal der Schande“ oder der rechten Aufregerpropaganda über den „Bomben Terror“ der Alliierten. Was man ja auch mal wieder schön an dem Kommentar hier unter dem Artikel sehen kann.

    Nur zur Erinnerung, Herr Ulrich: Die Deutschen haben aus freien Stücken einen Angriffskrieg initiiert und die Welt mit ihrem Terror ins Verderben gestürzt. Wenn Sie das nun in bester AfD-Manier in eine deutsche Opferrolle umdeklarieren („ Und den Deutschen wurde einmal schmerzhaft bewußt: Jetzt kämpft die ganze Welt gegen uns.“), dann zeigt das wieder einmal nur Ihre krude rechte Gedankenwelt. Wenn sie quasi implizit fordern, dass das Gedenken an den 11. Dezember gleichgestellt werden sollte mit dem Gedenken an diesen 20. Januar , dann begeben Sie sich hier auf ein sehr dünnes Eis der Relativierung der Shoah.

    Wenn man nicht über den Intellekt verfügt geschichtliche Zusammenhänge in einen richtigen Kontext zu setzen, dann sollte man darüber vielleicht auch einfach mal nicht publizieren.

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    • Werter Kommentator Christoph Mause,

      Sie haben nichts kapiert. Ihre eigene krude Gedankenwelt hält Sie in Ihrer eigenen Echo-Blase fest und raus kommt völliger Blödsinn. Siehe oben . Aber ich versuche trotzdem mal hier Ihre krumme Sicht zurechtzurücken, obgleich ich wenig Hoffnung habe: Nirgendwo steht, daß der 11.12.1941 im Gedenken gleichgestellt werden soll. Es ist vielmehr eine Betrachtung darüber, wie historische Ereignisse zu Ihrer Zeit aufgenommen wurden und wie es heute gehandhabt wird. Ich hätte genauso den 9. April 1940 nennen können. Der Tag, an dem Deutschland die Dänen und Norweger überfiel. Das waren für die Länder ein einschneidendes Ereignis das bis heute nachwirkt. Erinnerung am 9. April 2020 zum 80. Jahrestag? Komplette Fehlanzeige in deutschen Medien .

      Aber nun zu deutschen Opferrollen. Ja, die gab es zweifellos. Vorweg zu nennen die Juden in Deutschland selbst. Das waren nämlich Deutsche und so haben sie sich auch so gesehen. Es war ja gerade die Perfidie der NS-Rassenideologie, diesen Menschen das Deutschsein abzusprechen und somit aus der Gemeinschaft auszuschließen. Sechzehntausend fielen als Soldaten im Ersten Weltkrieg; das Plakat in der Ausstellung untertreibt. – Zur Rezeption des Selbstverständnisses der deutschen Juden empfehle ich Ihnen beispielhaft die Lektüre der Tagebücher von Victor Klemperer. Wer heute den damaligen deutschen Juden von 1933 das Deutschsein abspricht, der übernimmt damit gedankenlos die Diktion der NS-Ideologen. Bis hierhin verstanden?
      Nebenbei: Wer waren denn „Die Deutschen, die aus freien Stücken einen Angriffskrieg initiiert haben“, wie Sie es nennen? Zählen Sie Ihre Familie mit? Vater, Mutter, Oma, Opa, Großonkel? Oder einen Rupert Mayer oder die katholische Nonne Edith Stein? Da erbitte ich mir eine etwas sorgfältigere Definition des Täterkreises wenn es um die Zuschreibung individueller Verantwortung und Schuld geht. .
      Ich gehöre zu den Älteren, die sich noch gut an die Festnahme von Adolf Eichmann und den nachfolgenden Prozess in Jerusalem erinnern können. Die Bilder vom Glaskasten sind mir noch in lebhafter Erinnerung „Endlich hat man es mal einen von denen Kerlen erwischt, die uns die Suppe eingebrockt haben“, das war die vorherrschende Stimmung. Und wir hofften inständig, daß auch Josef Mengele, der als KZ-Arzt die grauenhaften Menschenversuche durchführte, gefunden werden würde. Leider vergebens. – Kaum vorstellbar, daß es hierzulande jemals wieder eine Zeit geben könnte, in denen Menschen gegen ihren Willen medizinische Experimente aufgezwungen werden sollen. „Versuchskaninchen“; das Wort stammt von Ihrem Parteifreund Olaf Scholz.

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