Der neunte November 1938: Eine Nachlese

Die systematische Verfolgung der Juden in Deutschland durch das NS-Regime begann bereits 1933 und erreichte mit der  sogenannten „Reichskristallnacht“ vor genau 80 Jahren einen vorläufigen Höhepunkt. Die Ereignisse sind gut dokumentiert und allseits bekannt. Aber wie wirkte diese Aktion auf die Bevölkerung?

Es ist das Verdienst des Bundesarchivs, bereits im Jahr 2004, nach Sichtung zugänglich gemachter Dokumente jenseits des Eisernen Vorhangs, mit dem Band 62 seiner Schriftenreihe eine Antwort auf diese Frage gegeben zu haben. Dieses Werk trägt den Titel „Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945“ und umfasst viele hundert Einzeldokumente. Zusammen mit der mitgelieferten CD-Rom sind es fast 4.000 Belege verschiedenster Organisationsebenen und Dienststellen des NS-Staates, angefangen von der lokalen Polizei über Regierungspräsidien bis hin zur Obersten Ebene, den Hauptabteilungen des SD, dem Geheimdienst der NSDAP und der SS.

Band 62: Otto Dov Kulka/Eberhard Jäckel (Hrsg.): Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten

1933-1945. 2004. 894 S., € 74,90 ISBN 978-3-7700-1616-7

Von besonderem Interesse dabei ist der Bericht für den November 1938, erstellt von der „Abteilung Juden“ (Abteilung II 112) des Sicherheitsdienstes. Das Dokument findet sich in dem Band auf Seite 304, und trägt die Dokumentennummer 356 (auf der CD 2550). Nachfolgend das wörtliche Zitat:

…. Träger der Aktionen waren im allgemeinen die Politischen Leiter, Angehörige der SA , der SS und in Einzelfällen auch Mitglieder der HJ. Die Zivilbevölkerung hat sich nur in ganz geringem Maße an den Aktionen beteiligt. Auch die Art des Vorgehens war im allgemeinen in allen Teilen des Reiches einheitlich. Nachdem zunächst Synagogen, Bethäuser und Geschäftsräume der jüdischen Gemeinden und Organisationen zerstört bzw. in Brand gesteckt worden waren, wurde gegen jüdische Geschäfte und später auch gegen jüdische Privatwohnungen vorgegangen. Dadurch, daß sich bei der Ausdehnung des tätlichen Vorgehens gegen jüdisches Eigentum insbesondere nach Abschluß der Aktion auch politisch bedenkliche Elemente beteiligten, kam es an vielen Orten zu Plünderungen und tätlichen Ausschreitungen gegen einzelne Juden. Jedoch waren auch Angehörige der Partei und der Gliederungen hieran beteiligt. Durch das sofortige Eingreifen der Staatspolizei in Zusammenarbeit mit den Polizeiorganen und dem SD konnten derartige Ausschreitungen und Plünderungen im allgemeinen in kurzer Zeit unterbunden werden. Die hieran beteiligten Personen wurden zum großen Teil festgesetzt und in einigen Fällen bereits verurteilt. Parteimitglieder oder Angehörige der SA und SS wurden vor Übergabe an den Richter durch Schnellverfahren aus der Partei ausgeschlossen.

Die Anzahl der zerstörten Synagogen beläuft sich im gesamten Reichsgebiet auf ca. 360. Weiter wurden über 31 Warenhäuser durch Brand oder Demolierung vollständig zerstört. Der durch die Zerstörung von Sachwerten entstandene Gesamtschaden wird auf ca. 990 Millionen RM geschätzt. Die Zahl, der infolge der Schließung jüdischer Geschäfte erwerbslos gewordenen deutschblütigen Angestellten wird mit ca. 14.000 angegeben.

Gleichzeitig mit der Demolierung jüdischen Eigentums lief eine Verhaftungsaktion gegen Juden, die von Staatspolizei geleitet wurde. Die Zahl der verhafteten Juden beläuft sich auf ca. 24.000. Die Zahl der Todesfälle wird z.Zt. mit 36, die der Verletzten mit 58 angegeben.

Die Stellungnahme der Bevölkerung zu den Aktionen, die anfänglich zustimmend war, änderte sich grundsätzlich als der angestellte Sachschaden allgemein zu übersehen war. Es wurde immer wieder besonders betont, daß ein Vorgehen gegen die Juden als Sühne für den Mord an dem Gesandtschaftsrat vom Rath wohl gebilligt werde, die Zerstörungen von Geschäfts- und Wohnräumen sich jedoch nicht mit den für die Verwirklichung des Vierjahresplanes geforderten Maßnahmen vereinbaren ließe. Außerdem wurde zum Ausdruck gebracht, daß dieses allzu krasse Vorgehen gegen die Juden neue außenpolitische Schwierigkeiten bringen könnte. Die angewandten Methoden beim Vorgehen gegen die Juden wurden insbesondere aus den Reihen der Wehrmachtsangehörigen verurteilt.

Daß sich die innerpolitischen Gegner diese Stimmung Zunutze machen, beweist die eindeutige Ablehnung der gesamten Aktion in rein katholischen Gegenden. Unter dem Hinweis, daß die Synagogen “Gotteshäuser“ seien, als die sie vorher insbesondere von der katholischen Kirche nie angesehen wurden, wurde versucht, die Bevölkerung zu beunruhigen und die Befürchtung ausgesprochen, daß den Kirchen ein gleiches Schicksal bevorstehe. Dieses Vorgehen der katholischen Geistlichkeit hatte teilweise zur Folge, daß die Bevölkerung in verschiedenen rein katholischen Orten von der Beteiligung an dem Vorgehen gegen die Juden Abstand nahm oder sogar demonstrativ Sympathien für die Judenschaft zum Ausdruck brachte. So tätigte z.B. in Vreden der größte Teil der Bevölkerung am nächsten Tag ostentativ seine Einkäufe in den betriebsfähigen jüdischen Geschäften, andererseits wurden auch bei Ortsgruppenleitern, die man für die Aktionen verantwortlich machte, die Fenster eingeworfen. Weiter wurden Eintopfspenden und Sammlungen der NSV unter dem Hinweis auf die Schande der Judenaktionen abgelehnt. Im Ruhrgebiet wurden Flugzettel verteilt, in denen aufgefordert wurde, die an der Aktion beteiligten Parteiführer und Beamten an die Wand zu stellen….  (Ende des Zitates)

Eine Randnotiz sei noch erwähnt, weil sie sich weder in den damaligen Stimmungsberichten noch in den aktuellen Retrospektiven wiederfindet. Kein Wunder, denn unsere Erinnerungen werden immer zeitgeistig geprägt. Im Zuge der damaligen Ausschreitungen wurde auch der Amtssitz des Kardinals Faulhaber in München „entglast“ ( moderne Wortschöpfung der Antifa).  Bekanntlich war Kardinal Faulhaber ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus, insbesondere des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg. Dessen Hetzschrift „An die Dunkelmänner unserer Zeit“ richtete sich hauptsächlich  gegen den Kirchenmann. Aber dieser Teil der Geschichte passt nicht so recht ins heutige Klischee, wo nach medialer Diktion die Geistlichen der Katholische Kirche hauptsächlich  als verschworene Clique von verabscheuungswürdigen Pädophilen wahrgenommen werden sollen. Immerhin hatte die New York Times seinerzeit in ihrer Ausgabe vom 13. November 1938 auf Seite Eins darüber berichtet:

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