Enttäuschung: Besuch bei Dr. Fleermann

  1. März in Düsseldorf. Das wichtigste vorab: Der Vortrag von Bastian Fleermann war inhaltlich eine Enttäuschung. Er hat nicht das gehalten, was die Ankündigung vollmundig versprochen hatte: Nämlich Aufklärung darüber, was die Einwohner Düsseldorfs schon während der NS-Herrschaft über den Holocaust wussten. Das war die Ankündigung:

Was konnten die Düsseldorferinnen und Düsseldorfer vom Holocaust und vielen anderen NS-Verbrechen wissen?“ Dieser Frage geht Dr. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, in seinem Vortrag am Montag, 9. März 2026, 18.30 Uhr, im Beatrice-Strauss-Zentrum der Mahn- und Gedenkstätte, Marktstraße 2, nach.

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Vermutlich hätte ich den Düsseldorfer Vortrag auch ohne die Affäre, die Dr. Fleermann hier in Ratingen ins Rollen und damit die Jonges in Bedrängnis brachte, besucht.  Denn das Thema interessiert mich seit meiner Jugend, somit seit über einem halben Jahrhundert. Ich selber bin Jahrgang 1950 und hatte 1968 noch ein solides Abitur gemacht; zehn Jahre bevor der Referent des Abends das Licht der Welt erblickte.

Ich war früh an dem Nachmittag in Düsseldorf um ja rechtzeitig zu kommen. Tatsächlich war ich einer der ersten. Das war auch gut so, denn die letzten mussten wegen Überfüllung des Raumes,  der etwa hundert Zuschauer fassen konnte, abgewiesen werden. Fleermann begann pünktlich mit seinem bebilderten Vortrag. Gleich zu Anfang reduzierte er die Erwartung: Tatsächlich wisse er nicht mit Bestimmtheit, was die Düsseldorfer in ihrer Mehrheit nun wirklich über den Holocaust wussten. Dann eine längere Einleitung über die Wahrnehmung im Nachkriegsdeutschland: Tabuisierung in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern, dann der Beginn einer Aufarbeitung Anfang der Neunziger nach der Wiedervereinigung: Genannt wurde die Ausstellung über „Verbrechen der Wehrmacht“, die Bücher von Peter Longerich, Götz Aly, Daniel Goldhagen.  Alles Autoren, deren Werke auch bei mir im Bücherschrank stehen und die den Nachweis versuchen einer kollektiven deutschen Mitwisserschaft, Billigung und Mittäterschaft am Holocaust. Ein konträres Werk, nämlich das von Alfred de Zayas: „Völkermord als Staatsgeheimnis“, fand allerdings keine Erwähnung. Nebenbei: Der Darstellung vom Tabu in den Sechzigern hätte ich widersprochen: Eichmann-Entführung und Prozess, Auschwitzprozess und die literarische Aufarbeitung durch Peter Weiss, Hochhuths „Stellvertreter“,  Paul Celans „Todesfuge“, die vergebliche Suche nach Josef Mengele: Das alles hatte uns als Gymnasiasten begleitet und bewegt. Die große „Schweigeverschwörung“ ist eine platte Erfindung späterer Jahrzehnte. Ob Bastian Fleermann, der erst Jahre nach Willy Brandts Kniefall in Warschau geboren wurde, sich dessen bewusst ist? Aber nein, ich wollte nicht nur den Vortrag nicht stören, sondern im Publikum unerkannt bleiben.

Dann endlich begann der eigentliche Vortrag mit den Lichtbildern. Interessant: Der Referent dozierte nicht vom Pult aus, sondern begab sich samt Mikro ins Publikum. Los ging es mit 1933 und den ersten Konzentrationslagern, deren Existenz damals jeder hätte kennen müssen. (Anmerkung: Heute assoziiert jeder mit dem Begriff die Namen von Auschwitz, Majdanek, Treblinka, eben die Stätten der Massenmorde. In den dreißiger Jahren hingegen stand der Begriff Konzentrationslager stellvertretend für ein Gefangenenlager. Eines der ersten und bekanntesten war Dachau in Bayern. Natürlich war dessen Existenz landesweit bekannt; zumal es über hundert Außenlager gab, in den die Häftlinge Arbeiten verrichten mussten).   Weiter ging es mit den bekannten Geschehnissen der dreißiger Jahre: Der Boykott von 1. April 1933, die Entrechtung durch die Nürnberger Rassengesetze, Entfernung der Juden aus dem Staatsdienst, Kampagnen gegen „lebensunwertes Leben“, nämlich der geistig Behinderten. Das alles am Beispiel der Geschehnisse in Düsseldorf. Ach so, zu den Zahlen: Düsseldorf hatte damals zu Beginn der Machtübernahme schon über 500.000 Einwohner, davon über 300.000 Katholiken und etwa 7.000 Juden. Fleermann wies richtigerweise darauf hin, dass die hauptsächlichen Informationsmedien zu jener Zeit die Zeitungen waren.

Aus meiner Bibliothek

(Er hätte durchaus noch die Wochenschauen in den Kinos erwähnen können. Da wurden meines Wissens keine hässlichen Bilder von den Schikanen gezeigt; stattdessen eindrucksvolle Staatspropaganda.)   Fleermann ging auch ein auf das Fehlen einer Demoskopie in jenen Zeiten, erwähnte aber die sehr umfangreichen „Geheimen NS-Stimmungsberichte“, die an Himmler und seinen Stab weitergeleitet wurden. (Das im Jahr 2004 erschienene Werk (Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945)umfasst samt zugehöriger CD über viertausend Einträge)  Aber auch hier stelle sich die Frage, ob dies eine objektive, repräsentative Wiedergabe der damaligen Befindlichkeit in der Bevölkerung darstelle.

Lobenswert: Fleermann erinnerte daran, dass über drei Millionen russischer Kriegsgefangene in deutscher Gewalt elendig umgekommen sind; meistens durch Hunger. (Ein von Deutschen begangenes Menschheitsverbrechen das in seinem Ausmaß und Monstrosität durchaus an den Holocaust heranreicht. Erstaunlich, dass dies heutzutage kaum thematisiert wird.)

Der Vortrag ging im weiteren Verlauf auf die chronologische Abfolge der Schikanen und Drangsalierung der Juden und anderer Opfergruppen, speziell in Düsseldorf, ein. Nur: Das alles war der damaligen Öffentlichkeit bekannt; das war sichtbar, wie etwa die Ausschreitungen der „Reichskristallnacht“ (ein Begriff, den Dr. Fleermann ablehnt, das Geschehen hätte sich vorwiegend tagsüber abgespielt). Auch die Abtransporte der Juden gen Osten hätten sich vor den Augen der Öffentlichkeit abgespielt.  Erst ganz zum Schluss gab Fleermann sein wesentliches Beweisstück kund: Aus erhaltenen Gerichtsakten ging hervor, dass ein Schuljunge im Frühjahr 1942 davon erzählt, dass die Juden nach Ankunft in Lettland sofort erschossen würden. Er wurde denunziert; es gab eine Untersuchung und Verhandlung wegen „Wehrkraftzersetzung“ und eine sehr ernste Verwarnung.  Davon leitete Dr. Fleermann in einer anschließenden Folie ab, was Informationsquellen über den Holocaust hätten sein können: Feldpostbriefe, Urlaubserzählungen, usw. Allerdings: Das ist reine Spekulation und stützt sich, abgesehen von dem einen Beispiel, nicht auf Dokumente.

Was nach meinem Empfinden an den Vortrag fehlte: Die Rolle der „Feindsender“. Welche Radiogeräte gab es, was ist überliefert von Tagebüchern und Aufzeichnungen über die Sendungen von Radio Moskau oder der BBC? Wurden auch über Düsseldorf Flugblätter der Alliierten abgeworfen? Was war bekannt über die Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen, gegen die Euthanasie? Immerhin hatte der zur Verbreitung seiner Predigten im Reich gesorgt. Und letztlich: Was wussten die Juden, die auch in Düsseldorf zum Umzug in den „Judenhäuser“ gezwungen wurden, selber von ihrem bevorstehenden Schicksal? Das alles blieb ohne Erwähnung. Vermutlich auch deshalb, weil in den Rundfunksendungen der Alliierten als auch in den über Deutschland abgeworfenen Flugblättern der Holocaust nahezu unerwähnt blieb.

Zum Schluss gab Dr. Fleermann eine Prophezeiung: Das letzte große Tabu sei die eigene Familie, was Wissen oder Mittäterschaft anbelange. Das harre noch der Aufklärung. Meine Meinung: Hier ist Dr. Fleermann auf einem Irrweg. Etwa 90% der Jugend von heute hat nicht das geringste Interesse an der eigenen Familiengeschichte. Zudem wachsen mit dem größer werdenden zeitlichen Abstand die Schwierigkeiten der Recherche. Dort, wo Interesse bestand und besteht, wurden die Familiengeschichten bereits erzählt. Zum Beispiel in den Leser-Schreibwettbewerb der FAZ: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/unsere-muetter-unsere-vaeter/   in dem auch ich damals meinen Beitrag geleistet habe: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/unsere-muetter-unsere-vaeter/die-leserdebatte/bernd-ulrich-er-konnte-heimkehren-andere-nicht-12126446.html Für den, der den Text liest: Es handelte sich um das Reiterregiment 17, nicht 7, wie von mir fälschlicherweise angegeben.

Fazit: Ich hatte an dem Abend, abgesehen von einigen lokalen Details, nichts wirklich Bedeutendes hinzugelernt. Andere Beispiele von der Art, wir von Dr. Fleermann zitiert, finden sich vereinzelt auch in der wesentlich umfangreicheren Sammlung in der Wannsee-Villa. Die gleiche Erzählung: Wer sich in der Öffentlichkeit über die Morde an Juden im Osten äußerte, sei es aus eigener Kenntnis oder vom Hörensagen, der bekam es sehr unangenehm mit der Justiz zu tun.

Nachträglich betrachtet war die plakative Ankündigung des Vortrags m.E. ein Etikettenschwindel. Was die Düsseldorfer Bevölkerung in ihrer Mehrheit von den NS-Massenmorden in den Vernichtungslagern wie Auschwitz, Treblinka oder dem Wüten der Einsatzgruppen tatsächlich gewusst haben könnten: Das blieb weiter im Dunkeln und bietet so der Spekulation breiten Raum. Absicht?