Das zehnte Opfer zählt nicht

Vor einigen Tagen, am 19. Februar, gedachte man der Opfer des Amok-Laufes von Hanau vor zwei Jahren. Am Ende des Tages zählte man damals elf Tote. Opfer, die hätten vermieden werden können, wenn denn die deutschen Behörden beizeiten gehandelt hätten. Und so konnte ein aktenkundiger Psychopath mit legal erworbenen Waffen (!) zehn Menschen umbringen bevor er sich selbst tötete. Es war ein Amoklauf mit Ansage: Monate zuvor hatte einen wirren Brief an das Bundeskriminalamt geschrieben. Reaktion der Behörden: Fehlanzeige. Wikipedia schreibt: Der Täter war arbeitslos und den Behörden seit Jahren mit paranoiden Wahnvorstellungen aufgefallen. Zu den ungeklärten Tatumständen gehört unter anderem, warum er trotz seiner psychischen Auffälligkeiten ab 2002 legal Waffen besitzen konnte.

Bei seinem  Massaker töte Tobias Rathjen gezielt neun Menschen mit Migrationshintergrund und verletzte weitere schwer. Zum Schluss brachte er seine Mutter und dann sich selber um. In der öffentlichen Wahrnehmung und den Medien ist das nicht die Tat eines Wahnsinnigen, sondern das kalte berechnende Kalkül eines rassistischen Rechtsextremisten.  Deshalb auch die Beschränkung auf neun Opfer. Denn Muttermord und Suizid gehören nicht zum üblichen Klischee von Rechtsextremisten und Rassisten.   Symptomatisch ist der aktuelle Artikel in der RP:

RP vom 17. Februar

Selbe Zeitung, selber Artikel

Wikipedia listet die wahnhafte Persönlichkeitsentwicklung des Massenmörders akribisch auf.

  1. stellte dreimal wahnhafte Strafanzeigen. Im Jahr 2002 zeigte er beim Polizeipräsidium Oberfranken eine „psychische Vergewaltigung“ an: Er werde „durch die Wand und durch die Steckdose abgehört, belauscht und gefilmt“. Daraufhin diagnostizierte ein Amtsarzt eine „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis, paranoide Inhalte“ und empfahl die sofortige Einweisung in eine Psychiatrie. R. leistete Widerstand, wurde in Handschellen ins Krankenhaus gebracht, aber am selben Abend mit dem Vermerk „ungeheilt“ entlassen. … Ein Arzt notierte, der Vater glaube ebenfalls, sein Sohn werde überwacht; beide hätten eine gemeinsame psychische Störung…… 2004 stellte R. die gleiche paranoide Anzeige bei der Polizei in Offenbach. Auch diesmal wurde er nicht psychiatrisch behandelt.

 2007 griff er einen Wachmann der Universität Bayreuth an, 2010 ermittelte das Zollfahndungsamt Essen wegen Drogenschmuggels gegen ihn. Einige Monate später klagte die Stadtverwaltung Hanau Vater und Sohn an, sie hätten sich Sozialhilfe erschlichen. Beide Verfahren wurden wegen Geringfügigkeit eingestellt. Im März 2018 wurde auch in München wegen Drogenschmuggels sowie fahrlässiger Brandstiftung gegen R. ermittelt…. Bis 2020 tauchte R. in 15 polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Akten auf, fünfmal als Beschuldigter. Er erhielt aber keine Einträge ins Bundeszentralregister.[4]

 Im November 2019 stellte er beim Generalbundesanwalt eine 19 Seiten lange Strafanzeige gegen eine „unbekannte geheimdienstliche Organisation“. Teile davon tauchten in seinem Pamphlet vom Januar 2020 wieder auf.[27] Ende 2019 schrieb er einer österreichischen Organisation, die sich mit „Fernwahrnehmung“ beschäftigt, er fühle sich beobachtet und bespitzelt. Er sprach von einer „ständigen Ausländerkriminalität“ und „Hochverrat“ an den Deutschen.[45]

 2004 erstattete er gemeinsam mit dem Vater Strafanzeige wegen Bespitzelung durch einen unbekannten Geheimdienst. 2017 wollte er im Bürgerbüro von Hanau nur von deutschen Mitarbeitern betreut werden. Zudem beantragte er einen Schutzhund zum Schutz gegen Ausländer.

Medien und Politik konnten nicht der Versuchung widerstehen, diese Tat eines Irren als Auswuchs eines typisch deutschen Alltagsrassismus zu diagnostizieren. Nicht nur das: Der verhassten  parlamentarischen Opposition wurde eine Mitschuld für den Massenmord zugeschustert. Der Herausgeber der einstmals seriös daher kommenden FAZ (dahinter steckt immer ein kluger Kopf), Berthold Kohler,  verstieg sich gar zur Ungeheuerlichkeit, „die AfD hat Blut geleckt und will nun mehr“.  An dem Tag habe ich mein Abo fristlos gekündigt. Ein halbes Jahrhundert hatte ich dem einstigen „Zentralorgan des deutschen Bürgertums“ die Treue gehalten. Ein abruptes Ende.  Seitdem überkommt mich beim Anblick der FAZ-Titelseite  immer die ekelhaft bildliche  Vorstellung von einer Zunge, die in einer Blutlache schlabbert:

Frankfurter Allgemeine: Trennung nach fünfzig Jahren

Der begnadete Rhetoriker und Bundestagsabgeordnete der AfD, Dr. Gottfried Curio, hatte die passende Replik: https://www.youtube.com/watch?v=Q5lEVAR0QuM Kein Wunder, daß man von Curio nichts bei ARD und ZDF hört oder sieht.

Erinnerungskultur, Denken und Gedenken gehören zum politischen wiederkehrenden Tagesgeschäft und sind selektiv. Niemand weiß, ob die Trauer, die Betroffenheit, das Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen bei  Rednern und Kommentatoren wahrhaftig oder nur geheuchelt ist. Die Gedanken sind frei, müssen mit dem Gesagten aber nicht übereinstimmen. Ein guter Schauspieler kann in jede Rolle schlüpfen.

Rückblick: Im Sommer 2021 stach ein Asylbewerber aus Somalia in Würzburg mit einem Messer wahllos auf Frauen und Mädchen ein; tötete drei und verletzte fünf weitere. Obwohl er nach Zeugenaussagen „Allah Akbar“ gerufen haben soll, wird das Verbrechen nicht dem religiösen Fanatismus oder Rassismus zugerechnet, sondern als Tat eines Irren gewertet.  „Die Verbrechen Einzelner sind niemals auf Bevölkerungsgruppen, Religionen, Staatsangehörigkeiten zurückzuführen“, so der Bürgermeister.



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