Mein Lieblingsort in Ratingen ist unterirdisch

Und zwar dort, wo Männer noch Männer sein dürfen: Im Untergrund. Nämlich auf der Toilette  unter dem Marktplatz.

Ja, ich oute mich und ich bekenne mich dazu. Ich gehöre zu den alten Männern, die öfter mal müssen. Und zwar oft plötzlich und unverhofft.  Trotz rezeptpflichtiger Medikamenteneinnahme. Dann muß es ganz schnell gehen, sonst wird es nicht nur feucht, sondern richtig nass zwischen den Beinen. Wie gut, wenn da das rettende Örtchen flott erreichbar ist!  Schnell die Treppe runter: Uff, nochmal gutgegangen. Die Prostata kriegt jeden von uns, so sagte mir ein Freund, der schon einige Jährchen mehr auf dem Buckel hat als ich.

Wer das nicht selbst erlebt hat, der kann sich das kaum vorstellen. „Die zwei Minuten kannst Du doch noch aushalten, so schlimm kann das doch nicht sein.“  Doch, ist es!  Selbst beim Autofahren ist es mir schon passiert, daß ich die rettende Parkbucht nicht mehr rechtzeitig erreicht habe. Seitdem führe ich immer ein großes Handtuch und Ersatzwäsche unter dem Fahrersitz mit.

Nun soll die gute alte Toilette unter dem Markt dicht gemacht werden. Angeblich ein Schandfleck für die Stadt, Renovierungsbedarf, nicht behindertengerecht, usw. Ich kenne die Argumente. Mit Verlaub: Wenn die Blase richtig zwickt, dann ist mir das Ambiente völlig egal. Da braucht es keine Duftkerzen, keine Designerkacheln und keine Edelstahlarmaturen.  Da brauche ich Erleichterung und sonst nichts. Hauptsache, daß nicht irgendwo ein Baum, ein Strauch oder ein Bauzaun herhalten muß. Wer vor der schmerzhaften Wahl steht sich entweder die Hose einzunässen oder sich als „Wildpinkler“ zu outen, der wird automatisch zum Wildpinkler.

Die Edelstahltoilettenkabine in der Minoritenstraße ist  kein vollwertiger Ersatz. Was wenn, die  besetzt ist; das passende Geldstück fehlt? Oder die „nette Toilette“ der Gastwirte? Es ist nicht jedermanns Sache, mit schmerzverzerrtem Gesicht an den unwilligen Cafehausgästen vorbei in die hinteren Räumlichkeiten zu stürzen – und dann? Besetzt!  Ich bin gespannt, wie das dann zu den Karnevalstagen funktionieren soll.  Obendrein kann die Zusage zur „Netten Toilette“ jederzeit vom jeweiligen Gastwirt  aufgekündigt werden. Und die Öffnungszeiten?

Als Angehöriger einer geplagten Minderheit bin ich sicher nicht der typische Toilettenbesucher.   Die 25 Cent fürs unterirdische Wasserlassen zahle ich als Dauergast gerne. Oftmals auch den  ganzen Euro mit den Worten: „Ich komme eh gleich wieder!“  Kalte Adventstage,  Weihnachtsmarkt und Glühwein: Wie gut, daß  es nicht weit ist zum rettenden Örtchen. Direkt neben der Kirche. Kein Anstehen, kein Gedränge, immer Platz, selbst wenn zehn Leidensgenossen auf einmal müssen müssten.

Ich würde gerne spenden, wenn ich damit den Fortbestand des „Ratinger Underground“ sichern könnte. Von mir aus auch nach Panama,  wenn die Stadt dort ein Briefkastenkonto unterhält und es der Sache dient. Wenn die Not groß ist, dann spielt Moral keine Rolle mehr.  Macht jemand mit?

Diesen Text hatte ich vor schon vier Jahren verfasst. Keine Zeitung wollte ihn damals veröffentlichen. Denn der Stadt Ratingen ist dieses gar nicht so stille Örtchen ein Dorn im Auge. – Aber Gottseidank gibt es die Markttoilette immer noch. Jetzt haben wir Corona hinter uns gebracht. Und wieder schrieb ich am 18. Mai 2020:

Sehr geehrtes Redaktionsteam,

die Tragfähigkeit einer Konzeption zeigt sich erst in der Krise. Zum Beispiel bei der „Netten Toilette“, über welche die RP in der Vergangenheit öfter berichtet hatte.: Ein Totalausfall. Denn die Gastwirte, die Ihre stillen Örtchen zu dem Zweck zur Verfügung gestellt hatten, mussten viele Wochen lang ihre Wirtschaften und damit auch die Fazilitäten zur Verrichtung von Notdurft  verschlossen halten.. Nun herrschte aber auch in dieser Zeit in Ratingen an Markttagen trotz Maskenpflicht und Abstandsgeboten geschäftiges Treiben, so etwa am Samstag vor dem Muttertag. Wohin also, wenn plötzlich Blase oder Darm zwicken?

Gut, daß es doch noch die Markttoilette bei Peter und Paul gibt. Optisch zwar heruntergekommen,  erfüllt sie immer noch ihren Zweck für den Fall, daß Frau oder Mann ein plötzliches  menschliches Bedürfnis überkommt. Und die großzügige Raumaufteilung in der Herrenabteilung ermöglicht sogar das Einhalten der vorgeschriebenen Corona-Abstandsregeln  auch bei gleichzeitiger Benutzung   durch mehrere Kunden. Corona-gerecht waren sogar Spender für Desinfektionsmittel installiert worden. Entsprechend häufig wurde das stille Örtchen im Herzen Ratingens aufgesucht. Nicht nur an Markttagen.

Zum Wochenbeginn feierten die Gläubigen den Sonntag „Rogate“: Ihr sollt beten! Beten wir für die Einsicht der Lokalpolitik, daß uns die Ratinger  Katakomben bei Peter und Paul mitsamt  ihrer Zweckbestimmung noch lange erhalten bleiben mögen!

Mit freundlichen Grüßen

Tja, keine Veröffentlichung. Dann steht es eben hier, genau hier in meinem Blog und sonst nirgends.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.