Volkstrauertagspredigt

Sehr geehrter Herr Pfarrer,

ich war bei der Veranstaltung im hiesigen Stadttheater am Volkstrauertag zugegen und habe auch Ihre Predigt gehört. Daß Politiker nicht der Versuchung widerstehen können, solche Gedenktage politisch zu instrumentalisieren, das will ich hier nicht weiter vertiefen. Etwas rührend fand ich Darstellung der Kinder. Kriege entstehen aber nicht aus vermeintlicher Verschiedenheit von Menschen, sondern zur Unterwerfung, Eroberung, Ausdehnung von Machtbereichen, Wirtschaftsinteressen . Erst im Krieg selbst erfolgt durch Propaganda die Entmenschlichung des Gegners.  Eine aktuelle Ausnahme mag der Dschihad, der Heilige Krieg gegen die Ungläubigen,  sein.

Zu Ihrer Predigt: Ich fand es gut, wie Sie mit dem Begriff von „Trauer“ umgegangen sind und ihn mit Leben gefüllt haben. Trauer als ein menschliches Grundbedürfnis, um Trennungsschmerz, den Gedanken an die Verstorbenen zu überwinden. Trauer als ein Gefühl, das nicht verordnet werden kann. Nur die Erinnerung, zu denen Gedenktage dienen, kann von außen befördert werden. Das Gefühl selbst muß jeweils im ich selbst erwachsen. Trauer auch als eine Therapie um  den  Schmerz zu bewältigen. Nicht umsonst gibt es in bestimmten Kulturen die „Klageweiber“.

Sie hatten versucht, den Begriff „Volkstrauertag“  in seine Bestandteile zu zerlegen um damit umzulenken auf eine zeitgeistige Debatte: Was ist das Volk? Ich denke, daß eine in ihrer Zeit begrenzte Predigt zu kurz ist, um dem Begriff in seinem spezifischen Zusammenhang  „Volkstrauertag“ gerecht zu werden. Wir wissen, daß gerade die Vokabel „Volk“ derzeit politisch kontaminiert ist. Wer gehört dazu, wer nicht, wer soll dazugehören? Nicht von ungefähr hat das NRW-Parlament den Begriff „Deutsches Volk“ aus seiner Eidesformel gestrichen. Die Kanzlerin selbst hat ihn, abgesehen vom Ablegen des Amtseides, nie benutzt.

Und wer sollte am „Volkstrauertag“ Trauer empfinden? Der in Deutschland aufgewachsene Nachfahre eines in den sechziger Jahren zugewanderten Gastarbeiters aus Portugal wird kaum Emotionen empfinden für deutsche Soldaten, die bei Langemarck ihr Leben ließen.   So wie das deutsche Rentnerpaar, das nach Antalya ausgewandert ist, nichts mit den Gedenkstätten und  Grabstellen für die bei  Gallipoli  gefallenen Kämpfer des osmanischen Reiches anzufangen weiß. Wer hingegen einmal die Soldatenfriedhöfe etwa in Frankreich besucht hat, der findet an dem einen oder anderen Grab noch frische Blumen. Niemand, der dort heute noch eine Grabstelle schmückt, ist demjenigen, der dort seine letzte Ruhe gefunden hat, noch zu Lebzeiten begegnet.

Heldengedenktag:  Vielleicht wäre diese hochgradig problematische und missbrauchte Wortschöpfung ein  Ausgangspunkt für eine Betrachtung: Unter „Helden“ verstehen wir intuitiv diejenigen, die sich zum Wohle anderer in Gefahr begeben, auch um dem Preis körperlicher Unversehrtheit oder des eigenen Lebens. Gerade Christen sollte dieser Gedanke nicht fern sein: Den Jesus starb für uns um uns zu erlösen; das ist die Botschaft des neuen Testamentes. Heiland – Heliand – Held. Vermutlich gibt es da im Althochdeutschen einen gemeinsamen Wortursprung.

Helden begegnen uns mannigfaltig: Feuerwehrleute, Rettungshelfer oder auch  jene Menschen, die in schlimmer Zeit bedrohten Menschen Zuflucht gaben und sich damit selber in Lebensgefahr brachten.  Zum Beispiel diejenigen, die Juden vor ihren Häschern versteckt haben. Es waren nicht immer nur Soldaten, die im guten Glauben, Gutes für ihr Vaterland zu tun und die Lieben in der Heimat  zu beschützen, in den Tod gingen.  Auch Heldentum ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Ohne die Aufopferungsbereitschaft einiger für das Gemeinwohl hätte die frühe Menschheit vermutlich nicht überlebt.  Aber es ist die Tragik, daß oftmals erst durch Helden Kriege möglich wurden.

Es ist die besonderes deutsches Schicksal, daß das millionenfache Menschenopfer in den Weltkriegen vergeblich war. Der Krieg ging verloren. Nicht nur das: Im letzten Weltkrieg wurden die Gefallenen noch ihrer Ehre beraubt: Denn wie wir heute wissen, kämpften und starben sie für ein verbrecherisches Regime.

Die Toten der Weltkriege und all diejenigen, denen dieser Tag gewidmet sind, waren natürlich längst nicht alle Helden. Viele ereilte der Tod unverhofft: Etwa den Säugling, der frisch entbunden, mit seiner jungen Mutter in einer Bombennacht verbrannte, kaum daß sein Leben begonnen hatte. Und meisten, die in den Krieg hineingerissen wurden, wollten einfach nur überleben. Viele haben es nicht geschafft und unzählige kamen als Krüppel wieder oder waren schwer gezeichnet. Die vielen Versehrten, die nach dem Krieg noch allgegenwärtig waren, weilen nicht mehr unter uns.  Auch Sie waren für uns Ältere eine Mahnung an die Schrecken des Krieges.

Am kommenden Sonntag gedenken wir nun jener Toten, die jüngst  von uns gegangen sind.



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