Käse vom Kaeser

„Lieber Kopftuch-Mädchen als BDM-Mädchen“. Dieser neueste Schwachsinn wurde tatsächlich sinngemäß von einem namhaften Industriemanager, nämlich Joe Kaeser, verzapft. Dieser Joe  ist  der Boss der Bosse im Siemenskonzern. Nicht zu verwechseln mit „Uncle Joe“ , dem Spitznamen von Josef Stalin.

Nun ist Siemens, ein ehemals stolzer deutscher Traditionskonzern mit  ehrwürdiger Vergangenheit, in den letzten Jahrzehnten auf eine ziemlich schiefe Bahn geraten. Die jüngere Firmengeschichte ist nichts weiter als eine Fortsetzungsserie von Pleiten, Pech und Pannen. Ob der Ausflug in die Atomwirtschaft mit KWU, die  Computerabenteuer mit Fujitsu, die Mobiltelefonie, das Kraftwerksgeschäft, die Pendolino-Züge, das Endkonsumentengeschäft: Ein Desaster reihte sich an das andere.  Die Aufzählung ist längst nicht vollständig. Jüngstes Beispiel: Das Hin und Her mit der Gasturbinenfertigung in Görlitz.

Nicht zu vergessen die zahlreichen Skandale. Wie titulierte das angesehene deutsche „Managermagazin“: „Wer sich mit Korruption in der deutschen Wirtschaft beschäftigt, kommt am Siemens-Konzern nicht vorbei.“ Und weiter:  „Im Herbst 2006 stürmten mehrere hundert Beamte in Siemens-Geschäftsräume an zahlreichen Standorten sowie in Privatwohnungen hoher Mitarbeiter. Die Razzia bildet den Auftakt zur wohl größten Korruptionsaffäre der deutschen Wirtschaftsgeschichte.“ http://www.manager-magazin.de/fotostrecke/siemens-daimler-ferrostaal-die-groessten-korruptionsfaelle-fotostrecke-127536.html

Joe Kaeser ist bei derlei offenbar schmerzfrei. Unvergessen sind seine jüngsten peinlichen Anbiederungsversuche an Donald Trump vor einigen Monaten.   Die Bilder und Pressekommentare zu dieser Geschichte waren einfach nur zum Fremdschämen. Und nun das dümmliche Schwadronieren um Kopftücher und BDM-Mädchen!  Das Motiv?  Der Siemens-Manager will sich bei der hohen Politik einschmeicheln. Dazu ist ihm jedes Mittel recht.  Auch das der Diffamierung und Herabwürdigung unserer Mütter und Großmütter.

Dabei war es gerade die Generation dieser Frauen,  die Schweres mitgemacht haben: Erst die zwangsweise Verpflichtung zum BDM, später Arbeitsdienst und dann der Krieg. Die Angst um Brüder, Väter und Verlobte, die draußen an der Front waren. Dann der Schmerz, wenn die Todesnachrichten kamen. Die Furcht um das eigene Überleben in Bombennächten. Und nach dem Krieg kam der Hunger.

„Lieber Kopftuch-Mädchen als BDM-Mädchen“. Ja, tatsächlich war auch meine Mutter ein Kopftuchmädchen. Nicht nur beim BDM, sondern auch später beim Arbeitsdienst. Das Kopftuch war für sie damals eine schlichte Arbeitskleidung; kein Zeichen für eine zur Schau getragen Unterdrückung der Frau, die sich vor lüsternen Männerblicken verbergen soll.

Kopftuchmädchen beim Arbeitsdienst: Meine Mutter ist mit auf den Foto

Nach BDM-Zeit und Schulabschluss wurde meine Mutter damals zum Arbeitsdienst eingezogen. Dann erst  konnte sie ihr Medizinstudium aufnehmen. Im Jahre 1943 hatte sie ihre Examina  abgelegt und wurde sofort als Ärztin in einem Thüringer Krankenhaus dienstverpflichtet. Über Ihre dortigen Erlebnisse und Erfahrungen auf der Frauenstation, als die amerikanischen und später dann die russischen Soldaten kamen,  konnte oder wollte sie nie sprechen.

Meine Mutter würde in wenigen Monaten hundert Jahre alt. Sie war zeitlebens eine lebensbejahende Frau, die gerne anderen Menschen half und sich diesen Beruf ausgewählt hatte. Meine Mutter ist längst verstorben, die  Beleidigungen eines Herrn Kaeser  können Sie nicht mehr verletzen. Aber sie hat es einfach  nicht verdient, daß ihr Andenken durch einen profilsüchtigen Karrieremanager auf so schäbige Weise  in den Dreck gezogen wird.



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